Mag. Marlene Kaes Bakk.techn.
Praxis für Klinische und Gesundheitspsychologie, Psychotherapie, Supervision und Coaching

Der Weg zur TGI-Begleithündin

Eigentlich stand von vornherein fest, dass Elektra mit mir in die Praxis kommen sollte. Das war der Grund, warum ich mir einen Hund nehmen wollte oder konnte, weil ich sie eben mitnehmen konnte. Die Rasse kannte zwar kaum einer und die, die sie kannten schauten mich etwas verwundert an, dass ich sie zum Therapiehund ausbilden wollte - aber eine innere Stimme sagte mir, dass das möglich ist und ich habe gelernt dieser Stimme  zu vertrauen.

Dann kam auch noch das Hindernis dazu, dass ausgerechnet am Anfang des Jahres 2023, wo Elektra geboren wurde und somit nach Österreich kommen sollte, eine Gesetzesänderung stattfand, die besagte, dass Tiere nur noch mit gültiger Tollwutimpfung (also mit frühestens 15 Wochen) nach Österreich verbracht werden durften. Die vorherige Regelung fand ich weitaus sinnvoller, als man "nur" eine Tollwutunbedenklichkeitsbescheinigung brauchte. Als Tierliebhaber ist mir die Gesundheit der Tiere wichtig und da möchte ich auch sicher stellen, dass durch so eine Überbringung keine Gefahr für irgendwen besteht. Aber wie es in diesem Fall war, wo im Grunde jede Lebensminute des Tieres klar nachvollzogen werden konnte, macht für mich eine solche Regelung keinen Sinn. Vor allem aus dem Grund, da ich wusste, dass die Sozialisationsphase - also diese so wichtige Phase für den Welpen, in der er seine Umwelt kennenlernt und die Basis für später gelegt wird, dann weitestgehend vorbei ist. Sicher kann man den Hund später auch noch erziehen, aber eben schwieriger und auch die Bindung ist dann nicht mehr in dem Ausmaß möglich, wie wenn der Welpe auf seinen Menschen geprägt wird.

Jedenfalls gab es Ausnahmen und das war, wenn der Hund hier einen Zweck zu erfüllen hat. Also als zum Beispiel als Jagdhund,... geführt werden soll oder eben auch als Therapiehund. Ich bin sehr froh über diese Ausnahmeregelung, aber leider braucht auch der Bescheid wichtige Zeit, die man mit dem Welpen nutzen könnte. Nun denn es war schwerirg den Bescheid zu bekommen, ist aber letzten Endes glücklicherweise doch gelungen.

Danach mussten wir nur noch warten bis Elektra alt genug war, um bei der Therapiehundeschule aufgenommen zu werden. Gesagt getan, eigentlich tatsächlich sogar sehr früh haben wir im Frühling 2024 die Ausbildung zum Therapiehund begonnen. Wir haben die ersten beiden Module absolviert, wobei vor allem das zweite Modul für uns sehr wichtig war, da Elektra da in die unterschiedlichsten Situationen gebracht wurde, mit unterschiedlichen Reizen konfrontiert wurde und in Kontakt mit Menschen gehen musste, dabei aber nicht aggressiv werden durfte - auch nicht aus Angst. UND sie hat bestanden.

Die Therapiehunde Ausbildung ist leider sehr auf Gruppen fokussiert. Meine Arbeit in der Praxis vorwiegend auf Einzelpersonen. Das hat zwei Dinge zur Folge - erstens Elektra hat wenig Möglichkeit ihr Sein in Gruppen zu trainieren, zweitens zahlt sich die Ausbildung dann nicht so richtig aus, weil ich weder Schulen, noch Krankenhäuser, noch Altersheime oder andere Einrichtungen besuche. 

Zusätzlich ist Elektra im Kontakt zu Menschen etwas unberechenbar, was soviel bedeutet, wie, es kann sein, dass sie Menschen, die sie nicht kennt (manchmal auch welche die sie kennt) zur Begrüßung anbellt. Wer sich unsere Infos über die TRs durchgelesen hat, weiß jetzt schon, dass das vorwiegend Menschen sind, die entweder Angst vor Hunden haben oder gestresst sind - es gibt auch noch andere Ursachen, aber wir belassen es jetzt mal bei den beiden. Da Schocktherapie gewöhnlich nicht mehr angewandt ist, ist das natürlich "unpassend" bzw. muss von mir im Rahmen gehalten werden. Jedenfalls war für mich dadurch klar, dass das in Gruppen schwieriger zu handhaben sein wird, als im Einzelfall. Aus diesem Grund habe ich nach alternativen Ausbildungsmöglichkeiten gesucht und bin dann relativ schnell auf eine Weiterbildungsmöglichkeit der Apollon Akademie gestoßen, um mich in Tiergestützter Intervention zu schulen.

Denn im Grunde ist es genau diese intuitive Reaktion auf ein Gegenüber, warum ich mir diesen Hund ausgesucht habe. Allerdings muss ich in der Praxis ein Gleichgewicht finden zwischen Instinkt eines Urhundes und Menschen, die sich wohl und sicher fühlen sollen.

Ich arbeite mit vielen unterschiedlichen Menschen, jeden Geschlechts und fast allen Alters. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen bei mir - viele davon haben komplexe Traumatisierungen erlitten, leiden unter Depressionen, Zwänge oder Ängsten, haben Persönlichkeits- oder Essstörungen, Süchte und vieles mehr, aber alle sind in einer Krise, wenn sie sich in eine Psychologische und Psychotehrapeutische Praxis begeben. Oft erlebe ich Menschen, deren Vertrauen zu anderen Menschen so zerstört worden ist, dass sie sich in Gegenwart von Tieren wohler fühlen, dann hilft Elektras Anwesenheit schon dabei anzukommen. Wenn ein Mensch Elektra dabei haben möchte, dann darf sie dabei. Und Elektra ist eben sie selbst. Sie ist nicht perfekt, sie reagiert nicht immer richtig. Sie zeigt, wenn ihr was nicht passt und sie zeigt auch, wenn sie mal nicht angefasst werden möchte. Genau das, was viele meiner KlientInnen in ihrer Geschichte eben nicht lernen durften und deswegen umso wertvoller ist.

Elektra kennt das seit sie bei mir ist. Wir waren am Anfang einen Nachmittag alleine in der Praxis, damit sie in Ruhe alles kennenlernen konnte - vor allem auch ihren sicheren Rückzugsraum. Danach war sie einfach dabei. Als Welpe wollte sowieso jeder, der kam sofort mit ihr spielen und dann legt sie sich wieder irgendwo hin und schlief für den Rest der Stunde. Sie durfte entscheiden, ob sie mitmachte und die Aufmerksamkeit genoß oder einfach mal liegen blieb. Je älter sie wurde, desto mehr begann sie zu beobachten, was ich mache, was in diesem Raum passiert und so kam es dann, dass sie sich immer mehr einbrachte. Bei einer komplex traumatisierten Klientin, die sie vorher schon gern gemocht hat, blieb sie stehen, als wir an bestimmten Themen arbeiteten. (Erst als sie es einmal nicht machte, meinte die Klientin nachher, "boa, war das anstrengend" - weil sie selbst dafür sorgen musste im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht zu dissoziieren.) Ein junger Mann, der in einer suizidalen Krise steckte, aber sich schwer tat darüber zu sprechen, was ihn belastete, öffnete sich ausgerechnet in dem Moment, als Elektra doch mitarbeiten durfte. Und irgendwann hat sie dann begonnen mir anzuzeigen, wenn es Menschen plötzlich nicht mehr so gut ging. Dann stellt sie sich neben sie und bleibt einfach stehen. Die Menschen dürfen dann ihre Hand auf sie legen oder sie streicheln. Ich musste nicht mehr tun, als das positiv zu verstärken - durch Aufmerksamkeit oder Leckerli.

Sie ist einfach da, bringt Freude und hilft durch Krisen - wenn das jemand möchte, legt sich aber sonst einfach hin und schläft. Genauso nehme ich sie aber auch raus, wenn ich das Gefühl habe, dass es für Elektra zuviel werden könnte.

Ist sie nun also ein ausgebildeter Therapiehund? Nein. Es fehlt das Theorieseminar, das ich noch alleine an einem Wochenende absolvieren hätte müssen und das Wochenende, wo man auf die Prüfung vorbereitet wird (Modul 3+4). Für mich hat es allerdings auch den Vorteil, dass ich mich keinen jährlichen Prüfungen unterziehen muss - es ist für mich ohnedies selbstverständlich, dass das Wohl der KlientInnen und auch von Elektra beides vorgeht - wenn eines davon nicht mehr gegeben ist, würde sie nicht mehr mitarbeiten. Aber so lange sie gerne als TGI-Belgeithund arbeitet und soviel Freude bereitet, wie sie es im Moment macht, bin ich froh und dankbar eine solch liebe Hundedame als Kollegin an meiner Seite zu wissen.



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